Straßen, Zen und Bodybuilding 6

Vorschau: 6:00 Uhr: Kennt der Roshi die Antwort? / 6:04 Uhr: Wie bin ich hier hereingeraten? / 6:05 Uhr: Ich schmecke meinen Hunger… / 6:09 Uhr: …Hunger nach der Haltung / 6:11 Uhr: So sitzt der Buddha / 6:14 Uhr: Atemzählen und Bodybuilding / 6:19 Uhr: »Finden Sie meinen Geist« / 6:21 Uhr: Zen an der Volkshochschule / 6:24 Uhr: Wir werden Zen-Schüler / 6:30 Uhr: Wir bilden uns die Welt gut ein / 6:32 Uhr: Der Mönch / 6:37 Uhr: Warum hat der Barbar keinen Bart? / 6:40 Uhr: Wir stehen auf.

6.14 Uhr
Noch sind die Schmerzen erträglich. Noch habe ich den Kampfgeist in mir, den Shakyamuni Buddha mir vorgelebt hat: »Ich stehe nicht eher auf, als bis ich die Wahrheit durchschaut habe…«. Ich luge auf das Räucherstäbchen auf dem Altar und versuche abzuschätzen, wieviel Zeit vergangen sein mag, seit die Gongschläge verweht sind: Eine halbe Stunde glühen die Stäbchen. Jetzt kann ich das Glimmen noch über dem Rand der Schale erkennen. Es mag eine Viertelstunde vergangen sein.
»Warum möchtest du wissen, wieviel Zeit vergangen ist, Christian?«
»Weil ich Kontrolle haben möchte über mein Leben und meine Zeit! Weil ich mich langweile. Weil ich Hunger habe…«
»Ist das Zazen, was du treibst?«
»Nein, wahrscheinlich nicht. Ich weiß nicht… wir sollen keine Selbstgespräche führen, oder?«
»Nein! Du sollst den Atem beobachten, ohne ihn zu beeinflussen. Und du sollst ihn zählen. Von ›Eins‹ bis ›Zehn‹ zählst du deine Atemzüge. Du hast drei Möglichkeiten zu zählen: Entweder du zählst sowohl die Einatmung als auch die Ausatmung, oder du zählst nur die Einatmung oder nur die Ausatmung. Das kannst du dir aussuchen. Wenn du bei ›Zehn‹ angekommen bist, fängst du bei ›Eins‹ wieder an.«
»Weshalb soll ich den Atem beobachten?«
»Atmung ist mehr als das Einziehen und Ausblasen von Luft. Atmen ist die grundlegende Aktivität, die jedes Leben bewegt und erhält und Körper, Geist und Seele verbindet. Im Atem bist du auf körperlicher Ebene dem Selbst am nächsten. Wenn du den Atem einmal anhälst, dann spürst du, was ich meine.«
Ich halte den Atem an, aber schnell schnappe ich nach Luft. Das Experiment überzeugt mich.
»Aber warum soll ich ihn zählen?«
»Das ist ein Mittel, den Atem wahrnehmen zu lernen und den Geist zu beruhigen. Atemzählen glättet die Gedankenwogen, trainiert die Konzentration und kräftigt den spirituellen Körper.«
»Aber zählen ist anstrengend. Außerdem sollen wir doch ›Nicht-Denken‹ praktizieren, sagt Meister Dogen. Und ist das Zählen selbst nicht auch Denken?«
»Na ja, schon. Aber anfangs ist es unmöglich, ohne Anstrengung die Ruhe des Geistes zu erlangen. Wie gesagt: Atemzählen stärkt den spirituellen Körper. Du mußt die Anstrengung auf dich nehmen, um dich zu vergessen. Ohne Anstrengung bleibt die Wahrheit verborgen. Meister Dogen sagt:
 
›Wenn ein Gedanke aufsteigt, bemerke ihn; wenn du ihn bemerkt hast, laß ihn gehen und nähre ihn nicht…‹
 
Was Dogen meint, ist: Gedanken sind immer da, sie kommen und gehen. Du sollst ihnen nur nicht hinterher-denken. Das Zählen hilft dir dabei; und du lernst, wie dein Geist arbeitet: Es kommen Gedanken und Emotionen und du gehst mit ihnen und vergisst das Zählen. Sobald du das bemerkst, kehrst du zur ›Eins‹ zurück und beginnst wieder zu zählen, unbeeindruckt und beharrlich.«
Meine innere Stimme hat recht. Ich sollte zählen und nicht auf die Glimmstengeluhr starren. Sanft nehme ich meinen Geist an die Zügel und lenke ihn zum Atem.

Ein atmen.
Aus atmen.
Zählen!

Eins… ich stelle mir eine Eins vor, dreidimensional kommt sie auf mich zu und sagt noch dazu: »Eins«. Ich versuche die 1 zu fokussieren. Ich versuche, die Eins in Einklang mit meiner Ausatmung zu atmen. Ich lasse den Atem auslaufen und erwarte die Atemwende. Ich lasse den Bauch weich werden, lasse die Rippen sich entspannen, und es atmet mich. Ich lasse nur los, die Luft strömt von alleine: in meinen Körper, in meine Lungen, durch die Bronchien in die feinen Verästelungen, bis in die Lungenbläschen. Hier findet ein Austausch statt, ich fühle es, und der Luftsauerstoff wechselt ins Blut und wird in den ganzen Körper gebracht. Ich fühle den Blutstrom, ich fühle den Sauerstoff-Fluß. Ich zähle den Atem, beobachte die Atemwende und fühle den Atemkristall.

Ich atme aus und zähle eine pulsierende »Zwei«.

1 bis 10



»Drei«. Die Ziffer 3. Ich zähle den dritten Atemzug dieser Morgenperiode. Ich habe noch etwa achtzig Atemzüge vor mir, wenn ich meine niedrigste Atemfrequenz schaffe: einmal habe ich trainiert, meinen Atem zu verlangsamen. In einem Buch hatte ich gelesen, es sei hilfreich, solche Atemübungen zu unternehmen. Ich saß mit einer Stoppuhr und verlängerte den Atem, bis eine Amplitude dreißig Sekunden dauerte. Ich schaffte es, dreißig Minuten diese Frequenz durchzuhalten. Sechzig Atemzüge in dreißig Minuten. Eine Turnübung. Ich weiß, daß Roshi solche Atemübungen nicht lehrt: in unserer Tradition wird auf solche Dinge kein Wert gelegt. Der Atem soll fließen, frei und leicht; so wie er uns angeboren und wesensgemäß ist, sollen wir den Atem zulassen. Trotzdem bin ich Umwege gegangen und habe mich mit Gymnastik abgelenkt. Ich habe sehr intensive Sitzperioden auf diese Art veratmet… aber es ist nicht mehr als ein kleines Kunststück. Die Fähigkeit, zwei Atemzüge pro Minute zu machen, hilft mir beim Zazen und im Leben nicht weiter. Ich habe das ausprobiert.

Normalerweise brauche ich etwa zehn Atemzüge pro Minute. Das sind in der heutigen vierzigminütigen Morgenperiode vierhundert Atemzüge. Ich soll diesen Kompaß benutzen, der mich durch den Dschungel meiner Gedanken und Emotionen und Empfindungen leiten soll.

EINS. Eine Eins haben wir gemeinsam gezählt. Eine ZWEI haben wir gezählt. Eine DREI. Aber dann sind wir abgewichen. Wir haben über das Zählen und das Atmen nachgedacht. Wir haben uns verloren in unseren Gedanken und Reflexionen über das Atmen. Wir haben nicht gezählt. Wir sind nicht in der Lage, bis zehn zu zählen, ununterbrochen im Takt und Gleichklang mit unserem Atem. Wir haben uns verlaufen. Aber wir haben es in diesem Augenblick bemerkt. Wir haben gelernt, daß wir in diesem Falle zu ›Eins‹ zurückkommen sollen.
Wie oft haben wir seit den Gongschlägen geatmet? Zwanzigmal? Fünfzigmal? Keine Ahnung. Aber wir sind einmal bis ›Drei‹ gekommen…
 
Um die Atemzüge bis zehn zu verfolgen und das eine ganze Periode lang – dazu mußt du ein Krieger sein. Du mußt unbeugsame Beharrlichkeit zeigen und große Konzentration. Du darfst dich nicht täuschen lassen. Das Atemzählen ist ein mühevolles Training, so mühsam wie Krafttraining: Auch beim Bodybuilding mußt du zählen, von eins bis acht, neun oder zehn. Aber du hast die verdammte Hantel in den Händen. Die drückt dir mit hundertsechzig Pfund in die Handflächen und auf die Armmuskeln. Du sollst sie mit den Brustmuskeln hochstemmen. Bankdrücken.

Bench press (1)

Der Klassiker, jeder weiß was Bankdrücken ist: Du liegst mit dem Rücken auf einer Bank und drückst eine lange Hantelstange, an beiden Enden mit riesigen Scheiben bestückt, nach oben. Die Hantel ist wirklich verflucht schwer. Du schaffst es einmal, zweimal. Du atmest ein, wenn die Hantel heruntersinkt. Du stoppst die Hantel direkt über Deiner Brust. Du drückst. Du gibst alles. Du atmest aus und in die Ausatmung hinein hebt sich die Hantel wieder. DREI. Einatmung – Ausatmung. VIER. FÜNF. SECHS. SIEBEN. Du denkst nicht mehr. Du preßt im Geiste nur noch die Zahl, denn du hast Dir ›Zehn‹ vorgenommen. Wenn du losläßt, dann knallen dir achtzig Kilo Eisen auf die Rippen. Also besser hoch damit. Nicht denken. Da ist nur noch 8. Und Acht ist Schmerz im Brustmuskel. Acht ist: Drücken drücken drücken. Acht ist:  Kein Denken mehr, nur noch Drücken und oben ankommen.

ACHT!
Kein Denken.
NEUN
ZEHN

Loslassen, die Hantel fällt in ihre Halterung.
 
Mit der selben Anstrengung zu sitzen, das ist die Herausforderung. Alles zu geben. Alles, was nicht zu der Aufgabe gehört, herauszuwerfen. Mich geben, mit meinem ganzen Körper und genau das Gewicht zu stemmen, das ich zehn mal stemmen kann. Dann werden meine Muskeln wachsen. Zählen läßt meinen spirituellen Körper wachsen. Merkwürdig… von Eins bis Zehn zählen, das bedeutet Wachstum!
Zen ist nicht mehr und schwieriger, als von eins bis zehn zählen? Warum dann die vielen Meter Zen-Literatur in den Bibliotheken, wenn es nur darum geht, von eins bis zehn zu zählen?
Nun, es gibt noch andere Aufgaben. Zum Beispiel fragt der Lehrer: »Was ist Mu?« Darüber gibt es ganze Bücher. Weil diese Frage genauso schwierig ist, wie von eins bis zehn zu zählen. Weil ich es nicht schaffe, von eins bis zehn zu zählen, fragt mich der Meister: »Was ist Mu?« Dazu gibt es natürlich eine Geschichte. Die heißt »Jôshûs Hund« und geht so:
 
Ein Mönch fragte Jôshû in allem Ernst: »Hat ein Hund Buddhanatur oder nicht?« Jôshû sagte »MU!«.
 
»Was ist MU?«… »Zeige mir MU!« fordert der Zen-Lehrer. »Zeige mir Buddhanatur!« Und ich sitze vor dem Lehrer und weiß nicht, was er will, und ich kann noch nicht mal bis zehn zählen… ICH, ICH, ICH.
MU ist so schwierig wie Zählen. Darum gibt es Meter und Meter Zen-Literatur in den Bücherregalen, weil so viele Menschen bis Zehn zählen lernen wollen, weil sie sich selbst kennenlernen wollen in MU. Ich lese auch gerne diese Literatur, denn sie sind geheimnisvoll, die Rätsel, und ständig das Gefühl, man ist von der Lösung gar nicht so weit entfernt, man hat den Schlüssel womöglich die ganze Zeit besessen.

Und so sitze ich hier, die ersten Atemzüge der schwarzen Morgenperiode, ganz besessen vom Sitzen und habe alles möglicherweise schon von Beginn an besessen?

Ich atme ein, ich atme aus. Eins … und … Zwei… und es juckt mich unter dem rechten Nasenflügel.

Nachbemerkung 2025

Damals, vor 30 Jahren, war mir das Atemzählen eine Sache des Willens. Ich habe es wie Krafttraining, in das ich ebenfalls stark involviert war, betrachtet – nicht nur im Bild, sondern in der Praxis. Zählen wie Bankdrücken: Zähne zusammenbeißen, durchhalten, das Ziel im Blick. Es war Ausdruck meines damaligen Übungsverständnisses – und meiner biografischen Lage.

Heute sehe ich das anders.

Zählen kann hilfreich sein, ja – aber nicht als Leistung, nicht als Test oder Beweis. Atemzählen ist kein spirituelles Bankdrücken. Es ist eher ein Nach-Hause-Kommen im Atem. Und: Es ist auch nicht für alle hilfreich. Manche lernen besser, einfach zu verweilen. Manche zählen von eins bis zehn – andere hören einfach zu. Ich würde heute niemandem mehr das Zählen „verordnen“.

Noch weniger halte ich heute von Atemübungen wie “Bambusatmung”, oder das Halten des Atems im “Hara”.

Zen-Praxis ist für mich heute nicht mehr „Wachstum durch Anstrengung“, sondern ein offenes Feld. Ich lade Menschen ein, sich darin zu entspannen – nicht, Zen zu bewältigen.

Dieser Beitrag ist Teil 5 der Serie “Straßen, Zen und Bodybuilding”


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